Dieser Artikel wurde in Glass News No. 4 (Winter 1997/98) publiziert.

Text & Abbildungen 1-4 © 1997 Mark Taylor
Übersetzung & Anmerkung © 2008/2010 Frank Wiesenberg
Abbildungen 5-8 © 2009/2010 Frank Wiesenberg

Quelle: http://www.romanglassmakers.co.uk/articles.htm

 


Abb.1. - Flaschen mit quadratischen Böden aus
´s-Hertogenbosch, Noordbrabants Museum (NL)

 


Abb.2 - Sandstein-Bodenform aus Augst (CH)

 


Abb.3 - Sandstein-Seitenform aus Augst (CH)

 


Abb.4 - Terracotta-Bodenform aus Aoste (F)

Zur Herstellung römischer prismatischer Flaschen

 

Diese in römischer Zeit weit verbreiteten formgeblasenen Flaschen kommen in quadratischer, rechteckiger und hexagonaler Form vor. Obwohl sie recht zügig hergestellt werden können, stellen sie für den Glasbläser eine Herausvorderung dar. Nun folgen einige Beobachtungen, die ich bei der Herstellung dieser Flaschen gemacht habe.

Für kleine Flaschen reicht eine Glasentnahme, größere quadratische Flaschen brauchen zwei oder mehr. Der Rohling für Flaschen mit quadratischem und hexagonalem Boden wird gleich hergestellt: Die aus dem Glashafen entnommene Glasmenge wird vorgeformt, dann ein wenig aufgeblasen, dann etwas gezogen um den Flaschenhals vorzuformen. Der Körper wird durch Aufblasen der gelängten Glasblase geformt, wobei darauf geachtet werden muß, daß möglichst viel Glas am Boden der Blase verbleibt. Der Rohling wird nun mit der Glasbläser-Zange (oder bei den Römern möglicherweise mit einer Schere) eingekniffen um den Übergang von Flaschenschulter zu -Hals zu betonen. Der Rohling wird im Bereich des Flaschenkörpers weiter gelängt (seine Länge bestimmt die Größe der Flasche), wiedererhitzt und in die oben offene Form eingeführt.

Generell sollte die Form des Rohlings der späteren Gefäßform recht nahe kommen. Dadurch wird eine gleichmäßige Verteilung der Glasmenge über das gesamte Gefäß gewährleistet. Die Rohlinge für quadratische sowie hexagonale Flaschen können im Querschnitt rund sein. Die Rohlinge für rechteckige Flaschen hingegen benötigen mehr Arbeit bevor sie in die Form eingeführt werden können: Die müssen vor Wiedererhitzen auf der Arbeitsfläche oder mit einem Holzbrett abgeflacht werden, so daß sie rechteckig werden, noch immer etwas kleiner als die Form.

Sobald der Rohling sich in der Form befindet wird er aufgeblasen. Anschließend wird die Glasbläserpfeife ein wenig nach unten in die Form hineingedrückt. So erhält die Flaschenschulter ihre charakteristische vier- bzw. sechseckige Form. Der Flaschenrohling wird nun aus der Form entnommen, Seiten und Boden werden kontrolliert, dann vom Ansatzstab aufgenommen.

Zm Formen des Ausgießers muß der Hals geweitet und nach innen gefalzt werden. Hierzumuß oft wiederhitzt werden, was die Gefahr des Verzugs von Flaschen-Schulter und -Körper in sich birgt.

Der Querschnitt der Henkel dieser Flaschen ist meist ein langgezogenes Oval. Einige sind einfach und undekoriert ausgeführt, andere haben ein paar Rillen, die meisten haben aber viele Rippen. Die undekorierten Henkel werden durch Abflachen auf der Merbelplatte geformt, die Henkel mit wenig Rillen können mit der Pinzette nach dem Abflachen geformt werden. Um die vielgerippten Henkel herzustellen muß eine Seite des Henkelrohlings mit einer Art eisernem Kardierkamm eingedrückt werden. Hier ist zum Anbringen des Henkels die Hilfe eines Assistenten nötig.

Was kann bis hierhin schief gehen? Formblasen ist eine Kunstfertigkeit, die höchszte Konzentration erfordert. Probleme können überall entstehen. Die Glasverteilung über den Rohling ist wichtig. Ungleichmäßige Rohlinge in denen die Luftblase nicht zentrisch ist führen zu ungleichmäßigen Wandstärken. Glasmangel am Boden des Rohlings verursacht einen zu dünnen Boden, der das Abnehmen vom Ansetzstab möglicherweise nicht übersteht.

Wie detailliert das Relief der Bodenform übertragen wird hängt direkt davon ab, ob die Temperatur des Rohlingsbodens hoch genug ist. Er muß durchs Wiedererhitzen vor Einführen in die Form orange glühen, während die Schultern des Rohlings relativ kühl bleiben müssen. Ansonsten würde die Flasche nach dem Aufblasen im Bereich der Schulter zu dünn.

Ein anderes Problem wäre ein Überhitzen der Flasche nach dem Umsetzen auf den Ansetzstab. Im Extremfall werden die flachen Wände besonders im oberen Bereich der Flasche bauchig und die Flaschenschulter wird beim Ausformen des Ausgießers deformiert. Richtiges Wiedererhitzen ist sehr wichtig. Die Erfahrung ist der beste Lehrmeister beim Umgang mit dem "Glory Hole".

Wie zuvor schon betont ist die richtige Temperatur des Glases beim Ansetzen des Henkels von besonderer Wichtigkeit. Wenn die Flasche zu heiß ist wird sie sich verziehen. Wenn der Henkelrohling zu heiß ist wird seine Ornamentik verschwimmen. Und wenn er zu kalt ist wird es extrem schwer, ihn vom Entnahmestab zu trennen. Hier wird übrigens nicht abgeschnitten, sondern das überschüssige Glas wird nach Anheften des Henkels unter dem Flaschenrand durch Wegziehen bis zum Abriß ausgedünnt. Wenn es beim Ziehen gegen den Hauptteil des Henkels gedrückt wird bewirkt die Hitze des Henkels, daß der Faden abschmilzt.

Dies sind einige der häufigsten Probleme mit dem Glas. Andere Probleme können bei der Form auftreten. Ein offensichtliches Problem ist, daß die Form oben minimal weiter sein muß als unten (ein Millimeter genügt). Falls nicht wird es kaum möglich sein, die Flasche aus der Form zu ziehen.

Wird - so wie von den römischen Glasmachern - eine Sandstein- oder Terracotta-Form verwendet, dann muß sie etwas feucht gehalten werden. Denn geschmolzenes Glas würde an ihr haften bleiben, wenn sie trocken wäre. Besonders wenn die Form sich erhitzt bleiben einige kleine Sandkörner am Glas der Flasche haften. Der Boden ist hierfür besonders anfällig, da er hier kontaktierende Teil des Rohlings die höchtste Temperatur hat. Überhitzung führt hier zu Detailverlust im Relief der Form.

Wenn die Form zu feucht ist entstehen Kühlringe an den Flaschenwänden. Falls die Bodenform zu feucht ist (z.B. Wasser im Relief steht), dann entsteht Wasserdampf, der verhindert, daß das Glas die Form des Reliefs komplett annimmt. Beispiele dafür sind einige Augster Gläser - Ruetti, Beat (1991) Die römischen Gläser aus Augst und Kaiseraugst: Tafel 122, Nummern 3130, 3131, 3132.

Kommen wir abschließend zur Frage, wie viele Flaschen dieses Typs ein Glasbläser innerhalb einer gewissen Zeitspanne herstellen kann. Unter der Voraussetzung eines ununterbrochenen Glasnachschubs kann er fünf quadratische Flaschen (mit je zwei Entnahmen) pro Stunde fertigen. Nehmen wir sechs Stunden Fertigung in einer Fünftageswoche: 5 x 6 x 5 = 150 Flaschen pro Woche x 50 Wochen im Jahr = 7500 Flaschen pro Jahr - und dies von nur einem Glasbläser! Falls er nur die Hälfte seiner angenommenen Arbeitszeit solche Flaschen herstellen würde, wären es noch immer 3750 Flaschen pro Jahr. Berücksichtigt man die vielen verschiedenen Boden-Designs und die Menge an bisher gefundenen Flaschen, dann muß der Bedarf an diesen Flaschen enorm gewesen sein. Die oben geschätzte Fertigungsmenge wäre dann nur ein kleiner Teil des Bedarfs.


Mark Taylor 1997


Anmerkungen:

Ein römisches Original einer Stein-Bodenform für eine quadratische Flasche befindet sich auch im Römisch-Germanischen Museum Köln (siehe auch Abbildung 7).

Zur Herstellung solcher Flaschen siehe http://www.glasrepliken.de/p_glasofenexperiment_VFP2010_vierkantflasche.htm


Abb.5 - Rekonstruktion einer Bodenform

Abb.6 - Defekte Rekonstruktion einer Bodenform

Abb.7 - Rekonstruktion einer Bodenform

Abb.8 - Defekte Rekonstruktion einer Bodenform

 


IMPRESSUM

Frank Wiesenberg
Stammheimer Str. 135
D - 50735 Köln
Telefon 0173-2609231

eMail
http://www.glasrepliken.de

Diese Webseite ist Teil des Projekts
RÖMISCHER VICUS



Copyright © 2008-2016 Frank Wiesenberg - www.glasrepliken.de