Römische Glas-Repliken verschiedener Werkstätten im Vergleich

 

Es sei vorausgeschickt, daß folgende Vergleiche keinerlei Anspruch auf Objektivität erheben. Grundlegend für meine Vergleiche ist meine seit 1996 andauernde Tätigkeit in der Museumspädagogik und Geschichtsdarstellung. Dafür sind möglichst originalgetreue Repliken von Nöten, die im damaligen Gebrauchszustand sind. Irisierungen und Patinierungen sind also nicht nur unnötig, sondern unerwünscht. Dagegen sind Repliken in der originalen Herstellungsweise und chemischen Zusammensetzung der römischen Fundstücke natürlich erwünscht, da sie den Originalen in Oberflächenbeschaffenheit, Aussehen, Farbe und Transparenz am nächsten kommen. Daß die äußere Form der Repliken möglichst originalgetreu sein muß, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber leider nicht immer.

Als Referenz dient mir auch neben meinem Literaturarchiv ein mittlerweile umfangreiches eigenes Bildarchiv.

Momentan befinden sich Glas-Repliken, die ich zu meinen Vergleichen herangezogen habe, aus folgenden Werkstätten in meinem Besitz:

Dieser Artikel konzentriert sich allerdings nur auf Gläser, die neueren Fertigungsdatums und deswegen heute noch relativ einfach erhältlich sind. Unbeachtet bleiben also die römischen Glasrepliken des Historismus, insbesondere der Rheinischen Glashütten-Actien-Gesellschaft in Ehrenfeld bei Köln, der Glas- und Porzellanwaren-Handlung Ludwig Felmer in Mainz bzw. der Josephinenhütte und des Frankfurter Unternehmens P.A. Tacchi´s Nachfolger. Selbige fertigten oder vertrieben Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auch nach heutigen Maßstäben sehr hochwertige Gläser, die inzwischen ein eigenes Sammel- und Forschungsgebiet sind. (Zu römischen Gläsern des Historismus siehe den Artikel "Antikes für Büffet und Kredenz" von Helmut Ricke in: Römische Glaskunst und Wandmalerei, Verlag Philipp von Zabern, 1999).

Ferner möchte ich noch darauf hinweisen, daß die folgenden Ausführungen zwar keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erfüllen können, von mir aber in unregelmäßigen Abständen ergänzt werden.


CCAA Glasgalerie Köln

Zur Verfügung stehen mir diverse Kannen (202, 213, 216, 220), prismatische Flaschen (207, 208), Merkurflasche (216/28), Delphinhenkelflasche (154), Schale mit Schliffband (261), Hofheimbecher (270), Aryballos (111) sowie verschiedene Schliffbecher (253, 314, 802) und zwei Rippenschalen (110, 262).

Allen gemein ist eine Satinierung, die nicht ganz das Erscheinungsbild von "antiken", also irisiertem oder oberflächlich verwittertem, Glas wiedergibt. Die Satinierung bewirkt zusammen mit den recht dicken Wandstärken der Gefäße, daß insbesondere die Kannen sowie Schliff- und Hofheimbecher nicht mehr die Filigranität und Leichtigkeit ihrer Vorbilder zeigen.

Zur Erläuferung möchte ich an dieser Stelle den damaligen Direktor der Historischen Museen der Stadt Köln, Prof. Dr. Hugo Borger, im 1979er Prospekt der CCAA Glasgalerie Köln zitieren: "Die ... Nachbildungen römischer Gläser sind keine Replikate aus dem Besitz des Römisch-Germanischen Museums der Stadt Köln, sondern freie Nachschöpfungen heute tätiger Glasmacher für die CCAA Glasgalerie Köln."

Dies macht einen Hauptaspekt der seit 1978 aufrecht erhaltenen Firmenphilosophie deutlich: Auf Wunsch von Prof. Dr. Borger, der seinerzeit auch mit der Leitung des Römisch-Germanischen Museums in Köln betraut war, sollten die Gläser der CCAA Glasgalerie Köln deutlich als "Nachschöpfungen" erkennbar sein. Neben der Bodensignatur erreichte man das durch die im Vergleich mit den römischen Originalen dickwandigere Ausführung und insbesondere durch die durchgängige Satinierung. (1)

Diese Firmenphilosophie macht natürlich einen Vergleich mit den römischen Vorbildern sehr schwierig, wenn man den selben Maßstab wie bei den anderen Repliken-Herstellern anlegt. Trotzdem möchte ich dem Vergleichskonzept treu bleiben, denn in dem während der letzten drei Jahrzehnte öfters geänderten Sortiment der CCAA Glasgalerie Köln finden sich einige ganz interessante Stücke.

Von der Gründung der CCAA Glasgalerie Köln im Jahre 1978 an fertigte zunächst die Glashütte Ichendorf (s.w.u.) exklusiv diese Gefäße. Mit Schließung der Ichendorfer Glashütte Mitte der 1980er Jahre übernahm die Freiherr von Poschinger Glasmanufaktur in Frauenau (Bayerischer Wald) diese Produktionsreihe (siehe auch diese Referenzen-Galerie der Freiherr von Poschinger Glasmanufaktur). Der Übergang gelang so gut, daß es quasi unmöglich ist, einzelne Gefäße der Ichendorfer oder Poschinger Produktion zuzuschreiben, zumal die Bodengravur dieser Gefäße nicht das Herstellungsdatum, sondern das Lizenzdatum zeigt.

Die Proportionen der Gefäße halte ich im Wesentlichen für gelungen. Wenn die Farben etwas mehr den historischen Vorlagen entsprechen würden und man auf die Ätz-Satinierung verzichten würde, dann wären es recht authentische Repliken. Leider haben sie recht stolze Preise, was (wie auch oben angesprochenen Entfernungen von den römischen Originalen, Stichwort Satinierung) nahelegt, daß die anvisierte Klientel nicht Museumspädagogen, Reenactor oder Geschichtsdarsteller sind. (2)

In kleinen Details weicht die CCAA Glasgalerie Köln mit ihren Nachschöpfungen deutlich von den römischen Vorbildern ab: So sind die Standringe/-Füße der Kannen oft stark vereinfacht, ebensooft stimmt der Verlauf der Wandungsstärke über das Gefäß nicht mit dem originalen Vorbild überein. Besonders auffällig ist dies bei der hexagonalen Flasche und der Merkurflasche (3) . Zudem lassen zum Beispiel bei der links abgebildeten Kanne die recht dicken aufgelegten Fäden das Gefäß plumper als sein Vorbild erscheinen. Dies ist aber, wie oben schon angesprochen, entsprechend der Firmenphilosophie durchaus beabsichtigt.

Abgesehen von Details wie der satinierten Oberfläche gehören die Merkurflasche sowie die Delphinhenkelflasche zu den richtig hübschen Kleinoden des Sortiments. Gerade bei letzterer harmonieren Schliffdekor und Propotionen. Auch Details wie der bei den Originalen scharfe Rand sind bei der Nachschöpfung gelungen. Schön, daß diese schon im Anfangssortiment der CCAA Glasgalerie 1978 befindliche Flasche noch heute im Sortiment ist. Dieses Schicksal hätte ich der Merkurflasche auch gewünscht - sie wurde mittlerweile leider eingestellt.

Besonders gravierende Differenzen zu ihrem Vorbild zeigen hingegen die Rippenschalen: Sind schon die römischen Originale nicht unbeding als filigran zu bezeichnen, so ist die Nachschöpfung deutlich zu massiv ausgefallen. Zudem fehlen ihr die für die meisten römischen Rippenschalen typischen Bearbeitungsspuren an der Randaußenseite und im inneren Bereich. Dazu kommt noch ein sehr dicker, relativ scharf profilierter Rand - ebenfalls etwas, was bei den römischen Originalen in dieser Art nicht zu finden ist. Ihr Rand läuft meist im Vergleich zum Gefäßkörper dünner aus und ist meist abgerundet. Viele römische Rippenschalen verfügen auch über eine oder mehrere Schliffrillen an der Gefäßinnenseite, die hier völlig fehlen. Der Hauptgrund für diese Abweichungen vom Vorbild dürfte im Herstellungsprozeß liegen: Dar damalige Leiter der Ichendorfer Glashütte (die bis Mitte der 80er Jahre die Gläser für die CCAA Glasgalerie Köln fertigte), Rudolf Penkert, enschloß sich, die Rippenschalen in eine zweiteilige Form einblasen zu lassen. (4) Diese Technik ist für die dickwandigeren römischen Rippenschalen (5) sicherlich nicht anzunehmen, wie Werkzeugspuren zeigen. Die nach heutigem Forschungsstand für die Masse der römischen Rippenschalen anzunehmende Herstellungstechnik mit Einkneifen der Rippen, Absenken über eine Form und anschließendem schleifenden Begradigen des Randes und Ausschleifen des Inneren wäre allerdings für eine Glashütte wie der Ichendorfer in der Serie viel zu aufwendig gewesen, weshalb man sich wahrscheinlich der rationelleren, von Penkert vorgeschlagenen, Technik bedient hat. Einen Vorteil hat der Kompromiß: Man bekommt beachtlich viel Glas für sein Geld - satte 1,5 kg!

Im Produktspektrum der CCAA Glasgalerie Köln befinden sich (von der sogenannten "zarten Rippenschale" abgesehen) insgesamt zwei Rippenschalenversionen, die unter den Nummern 110 und 262 geführt werden. Nummer 110 bezeichnet die maisgelbe Version mit graviertem "Lizenzdatum" 1978, während die mit 1985 gravierte blaue Rippenschale unter der Nummer 262 geführt wird. Der Vergleich der beiden Stücke ist insofern interessant, da das Lizenzdatum der blauen Schale genau in den Zeitraum fällt, als die Produktion in der Ichendorfer Glashütte auslief und an die Glashütte Freiherr von Poschinger übertragen wurde. Es ist also davon auszugehen, daß die maisgelben Rippenschalen komplett in Ichendorf und alle Rippenschalen komplett in Frauenau gefertigt wurden. Ein direkter Vergleich beider Rippenschalen belegt, daß in Frauenau die Produktion mit den Ichendorfer Werkzeugen weitergeführt wurde und die blaue Rippenschale trotz ihrer neuen Bestellnummer 262 lediglich eine Farbvariante der früheren gelben Nummer 110 ist.

Abschließend sei noch vermerkt, daß trotz ihrer "falschen" Herstellungsweise diese Rippenschalen-Nachschöpfungen recht interessante und dekorative Objekte sind. Und der Farbwechsel hin zum Blau hat der Schale gut getan: Verglichen mit ihrer Vorgängerin wirkt die blaue Rippenschale (die im Gegensatz zur ausgelaufenen 110 noch bei der CCAA Glasgalerie Köln neu erhältlich ist) deutlich gefälliger!

Hervorzuheben ist, daß es sich bei den römischen Nachschöpfungen der CCAA Glasgalerie Köln ausnahmslos um museumsseitig lizensierte Nachschöpfungen handelt, die mit Zustimmung der als Referenz angeführten Museen konzipiert, hergestellt und vertrieben werden. Ebenfalls beachtlich ist die Kontinuität, mit der sich die CCAA Glasgalerie Köln seit 1978 in dieser engen Marktnische behauptet - und dies trotz Wechsel der Fertigungsstätte der Repliken mit gleichbleibender Qualität!

(Überarbeitet und ergänzt am 27.02.2010, 20.09.2011, 4.11.2011, 19.07.2012)

weitere Fotos folgen

Bezugsquelle:
Webseite www.ccaa.de

(1) Für diese und viele weitere Informationen danke ich Herrn Ströter, Geschäftsführer der CCAA Glasgalerie Köln GmbH
(2) Für römische Geschichtsdarstellungen (siehe auch www.roemischer-vicus.de) und museumspädagogische Zwecke sind patinierte oder satinierte Repliken eher ungeeignet, da sie dem Anspruch, das römische Alltagsleben darzustellen, nicht gerecht werden.
(3) Inzwischen nicht mehr im aktuellen Sortiment; vermutlich noch von der Glashütte Ichendorf (s.u.) für die CCAA Glasgalerie gefertigt.
(4) Siehe Rudolf Penkert: Nach zwei Jahrtausenden wieder Rippenschalen im Kölner Raum - In: Porzellan + Glas 12/1963; die maisgelbe Rippenschale stammt zwar aus einer deutlich späteren Produktionsreihe, zeigt aber genau die Herstellungsspuren, die bei dieser Herstellungstechnik zu vermuten sind.
(5) Ausnahme: der Spezialfall sog. "zarte Rippenschalen", die geblasen und auch deutlich dünnwandiger sind


Le Verre Historique - Eva Bartova (Eva Van Eeckhout-Bartova, Belgien)

Von der sehr sympathischen aus Tschechien stammenden und in Belgien lebenden Eva Bartova habe ich eine hexagonale Flasche, zwei Viereckflaschen, einen Aryballos, eine Traubenflasche und einen Kantharos bezogen.

Der frei gebasene Kantharos kommt den Originalen recht nahe. Ich hatte die Wahl zwischen einem blauen und einem gelbgrünen Exemplar, die mir von der Form her beide sehr gut gefielen. Obwohl ich ein ausgeprägtes Faible für starke Glasfarben habe wählte ich dieses Mal den gelbgrünen Kantharos, da es sich bei dem blauen Farbton nicht um das von den antiken Originalen bekannte Kobaltblau handelte. Das Gelbgrün kommt dem in römischer Zeit verwendeten sogenannten Flaschengrün da deutlich näher und hat einen schönen Platz in meiner Vitrine gefunden.

Der Aryballos von Le Verre Historique gefällt mir richtig gut: Glasfarbe, Form und Details der Machart entsprechen den römischen Originalen. Da auch der Preis recht günstig ist - hier ein eindeutiger Kauftip!

Trotz der attraktiven, blauen Farbgebung bin ich mit der formgeblasenen Traubenflasche nicht ganz so zufrieden, obwohl auch sie (wie auch der Kantharos zuvor) zu den authentischeren Replikaten aus dieser Werkstatt zählt. Aber kleine Abweichungen von den Vorlagen in der Henkelgestaltung (Stichwort: Einsatz der Glasbläser-Schere) trüben ein wenig das Bild.

Die offensichtlich formgeblasenen prismatischen Flaschen (Vierkant- / Sechskantflaschen) zeigen starke, wellige Kühlringe auf den Gefäßseiten, die vom umgleichmäßigen Abkühlen des heißen Glases an einer Metallform zeugen. Solche Spuren sind an römischen Gefäßen die absolute Ausnahme, denn diverse Funde insbesondere von Formen für Flaschenböden* belegen, daß diese Gefäße in Steinformen geblasen wurden, wobei solche Kühlschlieren nicht auftreten. Auf den antiken Vorbildern finden sich stattdessen öfters etwa in Mitte der Seiten feine Schleifspuren. Dort hat das Glas beim Blasen die längste Verweildauer an der Form und hat dort die meiste Temperatur an die Form abgegeben. Dann kann es beim Herausziehen aus der (Stein-Seiten-) Form zu den an den römischen Originalen zu beobachtenden Schleifspuren kommen, die den Repliken von Eva Bartova prinzipbedingt fehlen.

Die Viereckflaschen zeigen zudem einen sehr bauchigen Körper, was nicht zwingend der verwendeten (Metall-) Form geschuldet sein muß, sondern auch beim Ausformen des Halses und Randes passiert sein kann. Allerdings ist auch diese ausgeprägte Bauchigkeit bei den antiken Vorbildern so gut wie nie zu sehen. Sie sind lediglich leicht konisch, was ein Herausziehen aus der Form erleichtert, und zeigen gelegentlich eine leichte Bauchigkeit im oberen Wandbereich, die dem Nacherhitzen zum Ausarbeiten von Hals und Rand geschuldet ist.

Der Boden dieser Viereckflaschen weist kein Muster auf, sondern ist nur mittig nach innen gedrückt. Die beiden Henkel der Viereckflasche werfen auch eine weitere Frage nach dem Vorbild auf: Zwar sind mir zweihenklige Flaschen mit langrechteckigem Boden bekannt - aber bisher noch keine mit quadratischem Boden so wie diese Flasche (allerdings lasse ich mich gerne vom Gegenteil überzeugen!).

Ergänzung (7.05.2012): Mich erreichte die Nachricht, daß Eva Bartova nach längerer Krankheit verstorben ist.

(Überarbeitet und ergänzt am 7.05.2012, 19.07.2012)

Bezugsquelle:
Webseite www.leverrehistorique.be
Galerie www.leverrehistorique.be/GR/index.html

* wie u.a. im Römisch-Germanischen Museum Köln (RGM) zu sehen; zur Herstellung dieser Flaschen siehe auch den Artikel "Zur Herstellung römischer prismatischer Flaschen"


Ichendorfer Glashütte (auch: Dorotheenhütte Ichendorf)

Leider ist diese damals in Quadrath-Ichendorf im linksrheinischen Kölner Umland am östlichen Rand des rheinischen Braunkohlereviers ansässige Glashütte in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geschlossen worden (die Ichendorfer Glashütte bestand von 1905/1907 bis 1986*). Neben Gebrauchsgläsern war besonders in den späten 60er und frühen 70er Jahren ein an römische Vorbilder angelehntes, zeitweise über 40 verschiedene Stücke umfassendes, Sortiment aus blaugrünem und auberginefarbenem Glas ein Standbein des Unternehmens.

Der Glashütte Ichendorf kann ich aufgrund der Gravur zweifelsfrei inzwischen mehrere große und schwere Viereck-Einhenkelkrüge und einen ebenso massiven, formgeblasenen zylindrischen Einhenkelkrug mit Bandhenkel sowie eine etwas kleinere zylindrische Flasche aus dunkelgrünem Glas zuordnen. Anhand des verwendeten Glases und alter Kataloge sind neben diesen auch weitere Gefäße den sogenannten "Formen des I. und II. Jahrhunderts" aus dieser Glashütte zuzuordnen: eine bauchige Flasche, ein bauchiger Einhenkelkrug mit Bandhenkel, eine Schale und ein Aryballos. Höchstwahrscheinlich entstammt der Ichendorfer Glashütte auch eine leicht satinierte Merkurflasche.

Der ca. 25cm hohe Viereck-Einhenkelkrug mit quadratischem Boden (sogenannte Vierkantflasche oder Square Bottle) ist sehr exakt formgeblasen. Ihr CCPC-Bodenrelief geht auf ein Vorbild im Römisch-Germanischen Museum in Köln zurück. Am Boden ist "CCAA 100 n.Chr." sowie "Ichendorf 1969" eingraviert. Somit ist sie vorbildlich datierbar. Für diesen Krug wurde ein Glas mit sehr vielen, kleinen Bläschen verwendet, was ich in dieser Form von den antiken Vorlagen nicht kenne. Das antike Glas war besser geläutert und hatte kaum Blaseneinschlüsse - selbst nicht bei den groberen Gefäßen wie diesen Flaschen.

Die Oberflächenbeschaffenheit der Seiten sowie des Bodens mit dem Relief legen mit ihren kleinen Einschlüssen nahe, daß dieses Gefäß in einer Stein- oder Keramikform hergestellt wurde. Die beim Herausnehmen aus der Form entstehenden, typischen Schleifspuren in Wandmitte weisen darauf hin. Römische Originale zeigen im Übrigen auch manchmal solche Spuren. Sie entstehen in der Mitte der Wände, da das Glas dort am meisten Temperatur an die Form abgegeben hat, dort also am weitesten heruntergekühlt und erstarrt ist.**

Der Bereich von Schulter, Hals und Rand ist im Vergleich mit den Originalen seltsam gerade und exakt. Beim genauen Hinsehen bemerkt man zwei Andeutungen von Formnähten, von denen eine fast erfolgreich durch den Henkel kaschiert wird. Für den oberen Bereich wurde also eine weitere, zweischalige Form verwendet, welche vermutlich nicht aus Stein/Keramik bestand, da ihr die Einschlüsse fehlen.***

Gerüchteweise soll dieses Gefäß auf eine Anregung Otto Doppelfelds zurückgehen. Eigentlich schade, daß es aus dieser Quelle keine weiteren Repliken mehr geben wird. Vereinzelt tauchen gerade diese Vierkant-Einhenkelkrüge (zumindest in der Kölner Region) auf Antik- und Trödelmärkten auf; zweimal habe ich da schön zu hören bekommen, daß sie mit ihren etwa 2,5kg eine wunderbar standsichere Blumenvase gewesen ist, wofür sie in meinen Augen eigentlich zu schade ist.

Ergänzung (24.12.2008): Inzwischen habe ich ein weiteres Exemplar dieser Krüge erwerben können, welches im Unterschied zu oben besprochenem Krug mit "Ichendorf 1968" graviert ist. Obwohl beide Krüge eindeutig aus der selben Form stammen zeigen sie gravierende Unterschiede in der Höhe (über 1 cm Differenz), im Bereich der frei angesetzten Henkel, der Ausformung der Hälse und Ränder sowie sogar der Wandstärken bzw. Wandstärkenverteilung über das Gefäß. Während der Krug von 1969 deutlichere vom Herausziehen aus der Form verursachte Scheifspuren aufweist, zeigt der ältere Krug stark ausgeprägte Wellen über die Gefäßwand (Kühlringe). Ein in Bezug auf die Glashütte Ichendorf historisch interessantes Detail ist das an dem 1968er Krug (also nach 40 Jahren!) noch anhaftende Siegel der Glashütte Ichendorf samt des anhängenden vierseitigen Erläuterungs-Heftchens.

Weitere Ankäufe von Gefäßen aus derselben Form zeigen nicht nur leichte Variationen in der Ausformung von Rand und Henkel, was bei der Herstellungstechnik normal ist, sondern auch in der Formfüllung: Bei einem Krug sind die unteren Ecken deutlich runder ausgefallen. Hier hat der Glasbläser offensichtlich weniger Luft gehabt. ;-) Interessant ist auch die Farbvarianz eines Kruges, dessen Glas im direkten Vergleich mit ihren annähernd gleichfarbigen Brüdern etwas bläulicher erscheint. Dies ist ein Hinweis auf eine Fertigung in mehreren Chargen unter Nutzung verschiedener Rohglasansätze.


Ein weiteres selten zu findendes Kleinod ist die dick satinierte Merkurflasche, die ich 2007 zusammen mit einigen modernen Goldrandgläsern von der Verwandtschaft eines ehemaligen Mitarbeiters erwerben konnte. Den Aussagen der Verkäufer nach soll diese Flasche auch der Ichendorfer Glashütte entstammen. Bei dieser 21cm hohen und wie auch im Original sehr schmalen Flasche ist leider keine Gravur auszumachen. Immerhin ist noch der Merkur im Boden erkennbar, der durch die Buchstaben "RGMK" gerahmt wird. Wenn wir nun frech unterstellen, daß es sich nicht um den sensationellen Fund einer original römischen mit dem im römischen Alphabet un(ter)repräsentierten Buchstaben K verzierten Flasche handelt, dann bliebe noch als sicherlich weit hergeholte Erklärung das Römisch-Germanische Museum in Köln.

Spaß beiseite: Trotz der Satinierung und trotz (oder gerade wegen?) des dezenten Repliken-Hinweises durch die Verwendung des Buchstaben K im Boden ist diese Merkurflasche eine der schönsten Repliken meiner Sammlung. Die Form der Originale ist sehr gut getroffen. Wie auch die zuvor angesprochene Viereckflasche scheint die Merkurflasche formgeblasen, denn unter der Satinierung meine ich Schleifspuren an den Wanden erkennen zu können. Die Wandstärkenverdickung nach unten hin, die man an den römischen Originalen auch beobachten kann, ist gut (vielleicht ein wenig zu übertrieben dick) nachgebildet. Das verwendete Glas ist auch leicht blasig, was man unter der dickschichtigen Satinierung aber kaum erkennt.

Alles in allem ist die Merkurflasche eine sehr interessante Replik, die wohl nicht sehr häufig angeboten wird. Leider bleibt sie wegen der Satinierung**** bei mir ein Vitrinenstück - aber ein schönes!

Ein weiterer Neuzugang war im Januar 2010 eine zylindrischer Einhenkelkrug mit gekämmten Bandhenkel, die trotz fehlender Bodengravur aufgrund der Ähnlichkeit zu den oben diskutierten Viereckflasche eindeutig der Glashütte Ichendorf zugeschrieben werden kann. Auch die kleinblasige Beschaffenheit des Glases, die Glasfarbe, Kämmung und Ansatz des Henkels und letztendlich auch die Dimension mit ca. 25 cm Höhe und ca. 10 cm Durchmesser zeugen vom gemeinsamen Ursprung in Ichendorf. Ich gehe davon aus, daß diese Flasche parallel zu den Vierkant-Einhenkelkrügen, also in den späten 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, gefertigt wurde. Interessanterweise fehlt bei diesem Exemplar nicht nur die Boden-Signatur, sondern auch eine Heftmarke. Diese scheint herausgeschliffen und -poliert worden zu sein. Mit ca. 2,1 kg Gewicht ist diese den römischen Originalen recht nahe kommende Replik, wie auch die Viereckflaschen, ein richtiges Schwergewicht.

Im Jahre 2013 kamen einige Gläser zu meiner Sammlung hinzu, die allesamt mangels Gravur nur über die Glaskomposition und über Katalogabbildungen zweifelsfrei der Ichendorfer Glashütte zugeordnet werden konnten. Sie alle entstammen der bereits oben angesprochenen Kollektion "Formen des 1. und 2. Jahrhunderts", die bei den drei zunächst hier vorgestellten Gefäßen allerdings sehr frei interpretiert sind. Mir jedenfalls sind keine genauen Vorbilder aus römischer Zeit bekannt. So ist der Bandhenkel des gut 17 cm hohen und ca. 13,5 cm durchmessenden kugelbauchigen Einhenkelkruges deutlich römisch beeinflußt, die Gefäßform hingegen modern.

Die rechts abgebildete, 18,2 cm hohe bauchige Flasche erscheint mir ebenfalls phantasievoll und ohne ein römisches Vorbild, welche ich für die 17 cm hohe zylindrische Flasche eher noch vermuten möchte. Sie erinnert mich übrigens sehr an ein deutlich zu groß geratenes Tintenfäßchen. Auffällig, daß die meisten Gefäße dieser Serie - mit Ausnahme der Reliefböden der Vierkant-Einhenkelkrüge natürlich - kugelförmig ausgeschliffenen Heftnarben am Gefäßboden aufweist. Nur die bauchige Flasche hat noch den originalen Abriß und somit keinen hundertprozentig sicheren Stand. Es wäre möglich, daß sie als zweite Wahl betrachtet und nicht komplett fertiggestellt wurde, da sie auch einen mehrere Millimeter messenden (Ofen-?) Partikeleinschluß in der Gefäßwandung aufweist.

Ein weiterer Neuzugang von 2013 war der Aryballos mit eingekniffener Henkelösenzier. Sie hat ganz sicher einen römischen Badegefäß-Typus als Vorbild, vergrößert diesen aber auf die stattliche Höhe von 14,2 cm bei einem Durchmesser von 13,3 cm (ca. 15 cm incl. Henkel). Dies dürfte ein gutes Indiz für die ursprüngliche Intention der Ichendorfer Galshütte sein, keine Replikate, sondern antike Vorbilder zitierende Vasen herzustellen. Trotzdem eins der schönsten Gefäße dieser Serie!

Wie bereits bei den kugelbauchigen Gefäßen zuvor, so stellt sich auch bei der 2014 erworbenen Schale die Frage nach dem genauen rämischen Vorbild. Dieses 5,8 cm hohe und 10,5 cm durchmessende Gefäß erinnert zunächst an römische Kragenschalen, die aber allesamt deutlich dünnwandiger als dieses Gefäß mit seinen 6 mm Wandstärke sind. Hier mag die Wandstärke dem Wunsch nach einer einheitlichen Gefäßfarbe dieser Serie geschuldet sein: Würde diese Schale vorbildgetreu dünnwandig geblasen, so wäre im gegensatz zu den tiefgrünen, dickwandigen Gefäßen hier lediglich ein leichter Grünstich des Glases wahrnehmbar.

Was jetzt noch zu meiner Kollektion dieser Serie der Ichendorfer Glashütte fehlt, sind die zwei (?) "römischen" Aschenbecher. Kein Scherz, so gesehen im Katalog! Hinweise gehme ich gerne auf ...

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Darüber hinaus hat die Glashütte Ichendorf laut Angaben ehemaliger Mitarbeiter Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre auch im Säurebad satinierte Repliken römischer Gläser für die CCAA Glasgalerie Köln (s.o.) hergestellt. Eine ganz frühe Serie dieser Repliken wurde auch in Roterde gealtert. Dieses Verfahren erwies sich aber schnell als zu aufwendig, weshalb man schnell zur einfachen Ätz-Satinierung zurückkehrte. Diese Zusammenarbeit endete wohl mit der Schließung der Glashütte Ichendorf Mitte der 80er Jahre, wonach die Freiherr von Poschinger Glasmanufaktur in Frauenau (Bayerischer Wald) diese Zulieferfunktion für die CCAA Glasgalerie Köln übernahm.

Es dürfte weiterhin kaum bekannt sein, daß die Glashütte Ichendorf auch offensichtlich erfolgreiche Versuche in der Belebung einer lange ausgestorbenen Kölner Handwerkskunst unternahm: In dem Kölner Jahrbuch für Vor- und Frühgeschichte***** läßt sich der Artikel "Seit 1 1/2 Jahrtausenden wieder Schlangenfaden-Gläser im Kölner Raum" nachlesen, welcher einen in der Jahreshauptversammlung der Archäologischen Gesellschaft in Köln am 4.12.1961 gehaltenen Vortag des damaligen Geschäftsführers der Ichendorfer Glashütte Rudolf Penkert wiedergibt.

Ergänzung (28.11.2009): Mittlerweile sind auch durch interessante Gespäche u.a. mit ehemaligen Mitarbeitern dieser Glashütte einige für mich neue Informationen hinzugekommen, die Anlaß geben, diesen groben Abriß der Geschichte der Ichendorfer Glashütte (natürlich unter besonderer Berücksichtigung ihrer römischen Repliken) in nächster Zeit zu erweitern und diesem Thema eine eigene Seite innerhalb des Projekts www.glasrepliken.de zu widmen. Für weitere Zeitzeugen-Informationen bin ich sehr dankbar ... vielleicht ist auch eine katalogartige Erfassung der von dieser Glashütte gefertigten römischen Repliken realisierbar ... es bleibt also weiterhin spannend! Ergebnisse werden natürlich an dieser Stelle zu lesen sein.

Bezugsquelle:
Eine Bezugsquelle kann ich wegen der Schließung dieser Glashütte in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts leider nicht nennen.
Aber es existiert der Verein Ichendorfer Glasmuseum e.V., dessen Ziel auch die Einrichtung eines Ichendorfer Glasmuseums im Bergheimer Raum ist (www.ichendorfer-glasmuseum.de).

Ergänzung (25.02.2010): Obwohl die Ichendorfer Glashütte in Quadrath-Ichendorf nach Übernahme durch die Dorotheenhütte Wolfach (Schwarzwald) und anschließender Auflösung ihre Pforten für immer schloß* gibt es selbst heute neue Ichendorfer Gläser! Bei ihnen handelt es sich aber um Gläser der Mailänder Firma Corrado Corradi S.p.a., die Inhaberin der Rechte am Markennamen Ichendorf (in Italien?) ist. Im Sortiment finden sich aber keine römischen Repliken - und auch ein Bezug zur Glasproduktion in Ichendorf ist für mich nicht herstellbar.

Ergänzung (2010/2011): Inzwischen kann ein etwa halbstündiger Vortrag zu den römischen Repliken der Ichendorfer Glashütte gebucht werden, in dessen Verauf auch einige Objekte im Detail vorgestellt werden (siehe Vorträge). Die mir im Verlauf meiner Recherchen zu diesem Thema bekannt gewordenen Details sind aus Zeitgründen noch nicht vollständig im obigen Text eingearbeitet.

(Überarbeitet und ergänzt am 24.12.2008, 20.09.2011, 28.11.2009, 16.01.2010, 25.02.2010, 7.03.2010 )

* Die Gründung der Glashütte in Ichendorf datiert wohl auf 1905, aber aufgrund finanzieller Engpässe war wohl erst 1907 geregelter Betrieb möglich. Im Jahr 1981 wurden die alten Fertigungshallen und Öfen abgerissen und wichen einem Neubau, der bis 1986 Bestand hatte. Nach Besitzerwechsel und verschiedenen Neupositionierungsversuchen war letztendlich 1986 Schluß. Die Werkhallen existieren nicht mehr.
** Laut Auskuft eines ehemaligen Formenbauers der Ichendorfer Glashütte wurde der Korpus des Vierkant-Einhenkelkruges in eine Metallform geblasen. Dies erklärt auch schlüssig die Kühlringe an den Flaschenflanken, die in dieser Ausprägung in einer Steinform kaum anzutreffen wären.
*** Laut Auskuft eines ehemaligen Formenbauers der Ichendorfer Glashütte kam zur Formung von Flaschenhals und -Rand eine zweiteilige Holzform zum Einsatz, die auf dem Flaschenrohling gedreht wurde. Formnähte sollten so vermieden werden, was im Fall des einen Vierkant-Einhenkelkruges auch gut gelungen ist. Die von mir bisher als "Formnähte" interpretierten Spuren könnten beim Abnehmen dieser Form entstanden sein.
**** Für römische Geschichtsdarstellungen (siehe auch www.roemischer-vicus.de) und museumspädagogische Zwecke sind patinierte oder satinierte Repliken ungeeignet, da sie dem Anspruch, unter Verwenung alltäglicher Gebrauchsartikel in ihrem ursprünglichen Zustand römisches Alltagsleben darzustellen, nicht gerecht werden.
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Rudolf Penkert: "Seit 1 1/2 Jahrtausenden wieder Schlangenfaden-Gläser im Kölner Raum" in: Kölner Jahrbuch für Vor- und Frühgeschichte 6. Band 1962/63, S.107f + Tafel 17; im Text ist von zwei Herrn Doppelfeld überreichten Exemplaren die Rede. Ob und in welcher Menge weitere Expemplare dieses Typus gefertigt wurden ist mir nicht bekannt. In diesem Kontext sollten auch die um 1910 mit Schlangenfaden-Gläsern unternommenen Versuche der Ehrenfelder Glashütte (Köln) erwähnt werden.


Atelier PiVerre - François Arnaud (Frankreich)

Obwohl François Arnaud den Gläsern früherer Epochen sehr zugetan ist, gehören Repliken römischer Gläser nicht zu seinem Schwerpunkt. Trotzdem finden sich kleine formgeblasene Vier- und Sechskantflaschen in seinem Sortiment, die durchaus als römische Repliken durchgehen. Allerdings verwendet er kein speziell nach archäologischer Fundlage angemischtes Glas, weswegen die Glasfarben vom gewohnten Erscheinungsbild antiker Gläser abweichen.*

Seine prismatischen Flaschen und Krüge fertigt François Arnaud in Metallformen, weshalb sie im Gegensatz zu den römischen Originalen Kühlringe auf den Seitenflächen aufweisen. Einige leicht schiefe Flaschenhälse werde ich mich zu kritisieren hüten, denn zum Teil bewundernswert schiefe Hälse finden sich auch an sehr vielen römischen Vierkant-Einhenkelkrügen. Aber die Ausführung der gekämmten Henkel entspricht in Details leider (noch) nicht den Originalen.

Mittlerweile haben sich Dank unserer Zusammenarbeit am VFP2009 und VFP2009-II ein paar von François Arnaud individuell gefertigte Repliken römischer Glasgefäße in meiner Sammlung eingefunden:

Diese Repliken wurden von François Arnaud nach Bildvorlage unter experimentellen Bedingungen am holzbefeuerten römischen Glasofen des Provinciaal Archeologisch Museum Velzeke (Belgien) gefertigt. Der Multihenkelkrug ist eine sehr gute Kopie der römischen Vorlage. Seine Herstellung ist HIER mit einer kleinen Bilderserie verewigt.

Wie der Multihenkelkrug entstand auch die Ringflasche sehr spontan nach Durchblättern einiger Publikationen über römisches Glas. Die Herausforderung bestand in dem Erstellen des Lochs im Flaschenbauch. Für ein erstes Versuchsexemplar durchaus gelungen - siehe HIER!

Testweise wurden am römischen Glasofen von François Arnaud auch Vierkant-Einhenkelkrüge in spontan von mir gravierten Steinformen geblasen, siehe HIER. Die Ergebnisse waren sehr vielversprechend und kamen den römischen Originalen auch durch das Fehlen der Kühlringe recht nahe! Die Henkel sind bei diesen Stücken im Gegensatz zu den oben angesprochenen "Studioexemplaren" auch entsprechend den römischen Vorlagen angefügt.

Aufgrund seiner Arbeit am rekonstruierten römischen Glasofen in Velzeke weiß ich nun, daß François Arnaud auch römische Repliken nach Zeichnung oder Bildvorlage als Auftragsarbeiten fertigen kann. Ihm scheint das Experimentieren zu gefallen und er scheut sich sicherlich nicht, Neues auszuprobieren.

Ergänzung (09/2010): Meine Einschätzung scheint sich zu bestätigen, denn zu Anfang des VFP2010 habe ich von François Arnaud eine im heimischen Studio nach römischer Vorlage gefertigte Fischflasche überreicht bekommen. Ein bizarres, aber sehr interessantes Stück, das den römischen Vorbildern sehr nahe kommt!

Ergänzung (15.09.2011): François Arnaud hat sich in der Zwischenzeit deutlich weiterentwickelt. Seine Henkel werden immer "römischer" und mittlerweile sieht man auch bei seinen während des VFP2011 freigeblasenen ein neu hinzugewonnenes "römisches" Formgefühl an. Faszinierend auch in diesem Kontext auch seine Fähigkeit, nach Vorlage bzw. Abbildung zu arbeiten.

weitere Bilder folgen.

(Überarbeitet und ergänzt am 14.09.2010, 15.09.2011)

Bezugsquelle:
Webseiten http://piverre.artblog.fr / http://www.paysdelaloire-metiersdart.com/page_fiche.cfm?id=577
Die Werkstatt in La Plaine Sur Mer ist im Sommerhalbjahr für Touristen geöffnet.
PiVerre bei facebook:

* Die vom Original abweichenden Glasfarben finden sich leider bei den meisten heutzutage fertigenden Werkstätten.


Kourgane (Frankreich)

Jean Michel Marion stellt zwar selber kein Glas her, sondern vertreibt über seine Webseite sowie auf Mittelalter-Märkten historisches Glas, soll aber aufgrund seines vielschichtigen Sortiments an dieser Stelle genannt werden. Auf der 2. Internationalen Reenactmentmesse (www.reenactmentmesse.de) erwarb ich von ihm drei Glasrepliken, die meiner Meinung nach aus verschiedenen Quellen stammen:

Die einhenklige Faßflasche ist ein "alter Bekannter": Sie ordne ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einer über diverse Vertriebswege auf den hiesigen Markt gelangenden tschechischen Produktion zu. Handwerklich ist Folgendes zu ihr zu sagen: Das leicht blasige, gelbliche Glas paßt eigentlich ganz gut zu den römischen Vorlagen, insbesondere aus dem Hambacher Forst. Sie scheint in eine Holzform geblasen zu sein, was ich aus den eher weichen und wenig kräftig profilierten Rippen schließe. Damit und auch mit den nicht sichtbaren Formnähten entfernt sie sich von ihren römischen Vorbildern, auch weist sie kein Bodenrelief auf.

Ähnliche Fehler im Detail zeigt die blaue Urne mit Deckel: Es ist ganz klar erkennbar, welche Originale dieses Stück zitieren möchte - allerdings liegt auch hier wieder der Teufel im Detail: Henkelgestaltung und die allgemeinen Proportionen, sowie die "moderne" Farbgebung. Hier wurde kein klassisches kobaltblaues Glas verwendet. Allerdings kenne ich auch die meisten dieser römischen Urnen aus naturfarbenem, also grünblauem Glas, insofern wäre die blaue Farbgebung eher die Ausnahme als die Regel.

Die Urne sowie den folgend diskutierten Vierkant-Krug kenne ich bisher nicht aus tschechischer Produktion. Sie könnte tatsächlich aus dem skandinavischen Raum stammen (wenn ich unser Gespräch richtig rekapituliere, wird Kourgane aus Schweden beliefert).

Laut Verpackungsaufkleber soll sich die Vorlage des üppig dimensionierten Vierkant-Einhenkelkruges von Kourgane im British Museum befinden. Dort habe ich bei meinen bisherigen Besuchen nichts derartiges gesehen. Sollte ich hier über eine Wissenslücke verfügen, so bitte ich um entsprechende Nachricht, dann werde ich gerne diesen Abschnitt korrigieren! Bis dahin gehe ich davon aus, daß dieser Krug die "normalen" römischen Expemplare als Vorbild hat. Dann wären einige Kritikpunkte angebracht: Machart (Formmaterial), eingestochener Boden ohne Relief sowie die "eigenwillige" Rand- und Henkelgestaltung sind zu nennen.

Bezugsquelle:
Webseite www.kourgane.com


RGH Römische Glashütte

Aus der Römischen Glashütte Bad Münstereifel oder der Römischen Glashütte Linz stammt dieser gut 22 cm hohe Einhenkelkrug:

Da beide Firmen das gleiche "RGH"-Logo nutzten, ist die Einordnung, ob dieser Einhenkelkrug von der Römischen Glashütte Bad Münstereifel oder der Römischen Glashütte Linz gefertigt wurde, für mich momentan nicht machbar. So wird auch die zeitliche Einordnung ihrer Herstellung schwierig, die 80er Jahre kommen in Frage. Möglicherweise könnte es sich aber auch um ein Produkt der Römischen Glashütte Monschau handeln. Hinweise hierzu nehme ich gerne auf!

Der Krug nach römischer Vorlage aus dem späten 3. oder frühen 4. Jh.n.Chr. zeigt eine Farbvariante, die in römischer Zeit nicht mögluch wäre. Der Korpus des Gefäßes besteht aus blaßviolettem Glas, am Rand ist ein Ring aus klarem Glas angesetzt. Der angesetzte, massive Fuß und auch der Henkel sind ebenfalls aus klarem Glas, vermutlich Glassma. Die Farbwohl deutet auf die 80er Jahre hin.

Auch sonst gibt es ein paar Abstriche in Sachen Vorbildgetreue: Ein solch massiver Fuß ist bei den römischen Krügen und Kannen dieser Zeit zwar selten, aber nach dem Einblasen des Kölbels in eine optische Form eine mögliche Variante. Doch der Henkel ist zwar unten gut angesetzt, aber oben nicht abgerissen, sondern mit der Schere abgeschnitten und mit der Pinzette am Hals angesetzt, was eindeutig die Handschrift eines modernen Glasbläsers zeigt. Trotzdem handelt es sich um eines der besten nicht von Taylor & Hill gefertigten römischen Replikate in meiner Sammlung!

Bezugsquelle:
Webseite www.roemische-glashuette.de


Hana Krizkova (Tschechien)

Vermutlich stammt eine weitere Vierkant-Enhenkelkrug aus bläulichem Glas aus dieser Werkstatt.

Die Flasche ist ca. 20,5cm hoch und von den Proportionen sehr stimmig. Viele Einschlüsse am Boden und einige an den Wänden legen nahe, daß die Flasche in eine Stein- oder Keramikform geblasen wurde. Merkwürdig ist dann allerdings, daß alle vier Wände sich leicht nach außen wölben, was man bei den formgeblasenen Originalen nicht beobachten kann. Dies kann der dem Formblasen folgenden Ausarbeitung von Hals, Rand und Henkel geschuldet sein. Es wäre aber für den Glasbläser ein Leichtes, die vier Wände wieder durch Aufdrücken auf die Märbelplatte wieder dem Original entsprechend zu richten. Der Flaschenboden ist nicht weiter verziert, nur eingedrückt. Hals und Rand entsprechen recht gut den Vorbildern.

Beim Henkel stört mich ein wenig die sehr filigrane Kämmung. Beim Fotografieren dieser Flasche fiel mir erstmals auf, daß sie nicht gerade ist, sondern sich leicht zum Henkel hin neigt. Solche Unregelmäßigkeiten werte ich eigentlich nicht grundzätzlich negativ, da auch die römischen Originale dieser Flaschen selten richtig exakt gefertigt sind. Hier stimmt allerdings der Winkel zwischen Standfläche und Wand nicht, was es in der Antike kaum gegeben haben sollte*, da dieser Winkel durch die Steinform bestimmt ist. Weitaus störender finde ich allerdings diese bläuliche Farbe des Glases.

Bezugsquelle:
Webseite www.hanaglass.cz
Galerie www.hanaglass.cz/html/nj5.htm

 

* Ein Beispiel für ein römisches Original einer solchen "schrägen" Viereckflasche fällt mir spontan ein: In "Die römischen Gläser aus Bonn" (A.-B. Follmann-Schulz, Rheinland-Verlag/Habelt 1988) ist unter der Nummer 101 eine "besonders schräge" Viereckflasche publiziert. Allerdings taugt auch diese nicht als Beleg, da diese Bonner Flasche offensichtliche Bruchspuren der Bodenform zeigt. Die Verwendung einer defekten Bodenform kann natürlich zu einem komplett schiefen Gefäß führen. Dies stellt jedoch eine absolute Ausnahme von der Regel dar.


ROMAN GLASSMAKERS Mark Taylor & David Hill (Großbritannien)

Wie vermutlich schon erwartet sollten auch die Glasrepliken von Mark Taylor & David Hill Erwähnung finden. Um es kurz zu machen: Im Vergleich mit den römischen Originalen gibt es hier kaum etwas auszusetzen.

Gerade bei Glasfunden aus römischen Bestattungen* ist die Erhaltung der beigegebenen Gläser oft so gut, daß sich das Glas quasi im damaligen Niederlegungs- bzw. Gebrauchszustand befindet. Zieht man solche Funde zum Vergleich heran, so kommt man schnell zum Schluß, daß die ROMAN GLASSMAKERS extrem gute Glasrepliken herstellen. Neben Farb- und Formidentität fallen auch die (falls im Original sichtbar) gleichen Herstellungsspuren auf. Hier wird der Forschungsaufwand der ROMAN GLASSMAKERS sichtbar.

Es war sehr aufschlußreich, die Weiterentwicklung dieses Studios und die Verbesserungen der gefertigten Gefäße innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte zu verfolgen. In meiner Sammlung befinden sich einige frühe Werke (Anfang der 90er Jahre), die schon als gute Nachschöpfungen römischer Gläser durchgehen mögen, aber noch nicht die Perfektion der heutigen Produktion zeigen.

Das oben Gesagte gilt übrigens nicht nur für die geblasenen Gefäßglasrepliken, sondern auch für die Repliken von Schliffgläsern, Rippenschalen, Millefioriglas und Sandkerngefäßen. Hier zeigt sich auch die Vielseitigkeit dieser Manufaktur, die eben nicht nur in der Lage ist, frei und formgeblasene Glasgefäße nach Vorbild herzustellen, sondern sich auch den anderen antiken Glasmachertechniken widmet.

Eine negative Anmerkung hätte ich aber: Während sich Mark Taylor große Mühe gibt, beispielsweise die Hälse seiner Vierkant-Einkenkelkrüge möglichst gerade auszurichten, haben die antiken Glasbläser offensichtlich deutlich schlampiger gearbeitet, was viele schiefhalsige Krüge in Museumsvitrinen bezeugen.

Hier ein paar Beispiele aus dem Sortiment der ROMAN GLASSMAKERS:

Fotos mit freundlicher Genehmigung von www.romanglassmakers.de.

Ergänzung (7.05.2012): Mittlerweile haben Mark Taylor und David Hill ihr Herz für jüngeres Glas entdeckt, seit Sommer 2011 produzieren sie als "Georgianglassmakers" (www.georgianglassmakers.co.uk) englisches Glas des 17. und 18. Jahrhunderts. Deswegen ruht leider bis auf weiteres die Fertigung ihrer römischen Glasrepliken. Ein Abverkauf ihres Lagerbestandes wird zur Zeit über den Webshop www.romanglassmakers.de abgewickelt. Ob es danach noch einmal römische Gläser aus dieser Manufaktur geben wird ... ???

Bezugsquellen:
Webseite www.romanglassmakers.co.uk
Webshop (Galerie) www.romanglassmakers.co.uk/gallery.htm (mittlerweile offline!)
>>> NEU: deutscher Webshop www.romanglassmakers.de <<<
siehe auch unsere Zusammenstellung der Bezugsquellen

* U.a. aus dem Hambacher Forst


Unbekannte Hersteller

Leider sind mir bis dato die Hersteller einiger weiterer Repliken unbekannt. Während ich wohl nie erfahren werde, wer die patinierte Tränenflasche hergestellt hat (gerüchteweise soll sie aus Syrien stammen), soll die grüne Viereckflasche (ohne Abbildung) aus Frankreich stammen. Der braunolive Vierkant-Einhenkelkrug hingegen könnte aus Deutschland stammen. Da die Interpretation der spätantiken Doppelhenkelflasche recht auffällig ist, mache ich mir ebenso wie bei dem kleinen Krug der Rheinischen Braunkohlewerke noch Hoffnungen, die Werkstatt herauszufinden. Hinweise sind gerne willkommen!

 

Die Tränenflasche habe ich als Replik erworben, aber vom ersten Eindruck her könnte es sich auch um ein römisches Original handeln. Auffällig ist zunächst ihre Leichtigkeit, was aber bei der Dünnwandigkeit des Glases nicht unrealistisch ist. Die bei normaler, natürlicher Beleuchtung (siehe linkes Bild) anscheinend braune Farbgebung wäre für die Antike nicht ungewöhnlich. Erst bei direkter Ausleuchtung (siehe rechtes Bild) oder beim Durchleuchten fällt eine starke rote Streifigleit des Glases auf, was sonst von der Patinierung gut kaschiert wird. Es handelt sich also um eine sehr inhomogene (und deswegen für die römische Glasproduktion sehr untypische) Glasmischung, die sofort an dekorative Parfümflakons aus dem syrischen Raum erinnert. An der Form gibt es absolut nichts auszusetzen, sie ist sehr gut getroffen. Auch die Patinierung ist sehr gut gelungen - wenn man so etwas mag. Da sie leider nicht zu meinen Einsatzzwecken paßt habe ich nun ein schönes, kleines Vitrinenstück - leider ohne Gebrauchswert.

 

Die Doppelhenkelflasche ist dagegen eher kurios: Neben der unrunden Form scheint es sich um primär farbloses, blasiges Glas zu handeln, das mit weißen und blauen Pigmenten versetzt wurde. Beim näheren Betrachten fällt auf, daß der Korpus wohl nur im Inneren gefärbt und außen irisierend behandelt ist, wogegen Henkel, Rand und Fuß außen gefärbt zu sein scheinen. Im oberen Bereich der Flasche ist etwas von dieser innen befindlichen Farbschicht abgerieben (vermutlich durch eine Sekundärnutzung als Blumenvase, was auch einige Sedimente im Inneren erklären würde...), wonach feinblasiges, transparentes Glas zum Vorschein kommt. Fuß und Henkel wirken eher angeklebt als angeschmolzen. Quer durch den massiven Fuß und quer durch einen Henkel zieht sich je ein Riß. Das spricht nicht für eine pflegliche Herstellungsweise. Sollte diese Flasche als Replik einer römischen Doppelhenkelflasche gemeint sein, dann ist sie ziemlich daneben. Grauslig finde ich sie in jedem Falle.

 

Der olivbraune Vierkant-Einhenkelkrug wird von einer meiner Quellen der Ichendorfer Glashütte zugesprochen. Aufgrund der Glasfarbe, der sehr gleichmäßigen Satinierung, der sehr geraden Form mit scharfen Kanten und vor allem der gitterförmigen Heftmarke kann ich dies nicht glauben. Falls ein Leser hierzu Genaueres weiß lasse ich mich gerne belehren!

Dieses Replikat ist grundsätzlich gut gemacht: Unter der Satinierung sind noch Unregelmäßigkeiten erkennbarm die auf eine Herstellung in einer Steinform hindeuten können. Auch der Wandstärkenverlauf und der Henkel ähneln den römischen Vorbildern. Aber leider trüben die sehr gleichmäßige Satinierung (hier gilt auch wieder meine obige Anmerkung zur Satinierung allgemein), der zu schlanke Hals in Verbindung mit dem nicht umgelegten Rand und vor allem das Fehlen eines Bodenbildes (stattdessen diese kuriose Heftnarbe) das Bild.

 

Das momentan letzte hier vorgestellte Stück soll eine kleine Kanne sein, die 1986 von der Rheinischen Braunkohlenwerke AG mit Bezug auf eine Grabung im Tagebauvorfeld, Hambach 382 (Niederzier, Kreis Düren), unter dem Titel "Ein römisches Glas aus Hambach" vertrieben wurde. Da ich davon ausgehe, daß die Rheinischen Braunkohlenwerke zum damaligen Zeitpunkt keine eigene Glashütte unterhalten haben, wird die Fertigung dieser Kanne fremdvergeben worden sein. Mir wäre sehr daran gelegen, mehr über die Hintergründe und den Hersteller dieses Stücks zu erfahren!

Die Kanne besteht aus sehr blasigem Glas, ist zunächst in eine gerippte Form eingeblasen und dann frei weiter geformt worden. der Henkenansatz zeigt den Einsatz der Schere. Bis dato kannich dieses Stück weder von der Machart, der Glasart oder den (für einige Glasbläser) typischen Herstellungsspuren und - Techniken einer bestimmten Werkstatt zuordnen. Deswegen noch einmal meine Bitte: Falls Sie über Informationen über dieses Glas verfügen bitte ich um Nachricht an die eMail-Adresse .

Ein sehr nettes Detail ist ein kleiner Partikeleinschluß im Glas dieser Kanne, der sich direkt unterhalb des aufgelegten Fadens unterhalb des oberen Henkelansatzes befindet: Es handelt sich wahrscheinlich um ein Stückchen Ofenstein, der den Weg in die heiße Glasmasse gefunden hat. Dieser Einschluß ist nur von Innen zu erfühlen.

Ergänzung (15.10.2013): Offensichtlich ist Rheinbraun bei diesem mutmaßlichen Präsentartikel ein kleiner Fehler unterlaufen: Im Fundgut der Grabung Hambach 382 findet sich kein vergleichbares Glasgefäß, wohl aber in der Grabung Hambach 500 (Befund 1625; siehe A. Heege, Hambach 500: Villa rustica und früh- bis hochmittelalterliche Siedlung Wüstweiler (Gemeinde Niederzier), Kreis Düren (Köln 1997) Tafel 134 Abb. 1).

 


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